– Bisherige Preisträger

2017: Kristina Köhler

Die Jury, bestehend aus Bernhard Groß (Uni Wien), Britta Hartmann (Uni Bonn) und dem Preisträger von 2016, Matthias Wittmann (Uni Basel), hatten 20 Einsendungen zu historischen, ästhetischen, theoretischen Aspekten des Films zu begutachten, elf der vorgeschlagenen Texte waren von Frauen verfasst. Die Kriterien der Auswahl waren die Originalität und Aktualität des wissenschaftlichen Ansatzes und dessen Durchführung ebenso wie die sprachliche Souveränität.

Lobende Erwähnung

Die Jury vergibt in diesem Jahr neben dem Hauptpreis eine lobende Erwähnung. Sie geht (wie bereits 2016) an Tobias Ebbrecht-Hartmann für seinen Aufsatz Goebbels’s Fear and Legacy: Babelsberg and Its Berlin Street as Cinematic Memory Place. Der Text zeichnet die Transformation der filmischen Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in gleichermaßen origineller wie bestechend klarer Weise nach – entlang der schillernden Appropriations-Geschichte des berühmtesten Babelsberger Filmsets, der „Berliner Straße“. In raffinierter Konstruktion, Benjamins Konzept des „Spielraums“ produktiv nutzend, gelingt es Ebbrecht-Hartmann, Studio- und Filmgeschichte, Mnemo- und Historiographie aufschlussreich zu konstellieren und den Funktionsweisen des medialen Gedächtnisses neue Aspekte abzugewinnen.

Laudatio für die Preisträgerin Kristina Köhler

Den Karsten-Witte-Preis für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz 2017 erhält Kristina Köhler für ihren Aufsatz »Nicht der Stilfilm also, sondern der Filmstil ist wichtig!« Zu einer Debatte im Weimarer Kino, der 2016 in dem Band Filmstil. Perspektivierungen eines Begriffs erschienen ist und von Julian Blunk, Tina Kaiser, Dietmar Kammerer und Chris Wahl herausgegeben wurde.

Kristina Köhlers Aufsatz fragt nicht einfach regelpoetisch nach Filmstilen im Weimarer Kino, sondern danach, wie sich mit dem Aufkommen, der Verwendung und dem Wandel des Begriffs vom „Filmstil“ in den Kunst- und Bildungsdebatten der 1920er Jahre ein höchst heterogenes Feld der Bestimmung filmischer Formen homogenisiert hat. Es handelt sich also um eine theoriehistorische Studie, die durch die Einbeziehung einer breiten ästhetischen Diskussion im Bereich des Films wie der Bildenden Künste, den, wenn man so will, „Habitus“ des Begriffs herausarbeitet. Köhler fragt: „Wann ist Stil? Unter welchen diskursiven und medialen Bedingungen wird Stil im Film erfahrbar?“

Herausgekommen ist dabei eine luzide, höchst originelle Studie, die präzise und sprachlich so genau wie elegant zunächst die medienreflexive Seite des Verhältnisses von Stil und Film auf Basis der weit verzweigten und ausdifferenzierten kunstgeschichtlichen Stil- und Bildungsdebatten der 1920er Jahre beleuchtet. Von dort aus arbeitet der Text dann die filmtheoretische Wendung dieses medienreflexiven Umgangs in einer der zentralen Filmtheorien der 1920er Jahre, in Béla Balázs Schriften heraus. Damit ist nicht nur ein theoriehistorischer und ästhetischer Zusammenhang hergestellt, sondern auch ein neuer Blick auf die Stildebatten des Films geworfen, die den Paradigmen der historischen Poetik ein neues theoretisches Fundament geben. Eine aktuelle Beschäftigung mit Fragen des filmischen Stils, will sie seriös sein, kommt um die methodische Vorgehensweise Kristina Köhlers, die Diskursivierung des Problems der Theoriebildung, nicht herum.

Preisträger

2016: Matthias Wittmann

Der Karsten-Witte-Preis für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres geht an Matthias Wittmann von der Universität Basel für seinen Aufsatz „Krieg und Revolution im Kino des Iran – eine Telescopage“, erschienen in der Zeitschrift Mittelweg 36 des Hamburger Instituts für Sozialforschung (Heft 3, 2015). Der Preis wurde auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften in Berlin verliehen, Mitglieder der Jury waren Nicholas Baer, Britta Hartmann und Ursula von Keitz.

In der Begründung der Jury heißt es:

Der Publikationsort weist auf Ziel und Selbstverständnis, mit der sich Matthias Wittmann der Aufgabe stellt, eine uns möglicherweise fern scheinende Filmkultur historisch-analytisch zu erschließen und dabei das enge Bedingungsgefüge von Politik und Ästhetik ins Zentrum der Betrachtung zu stellen.

An den Anfang seiner erhellenden Ausführungen stellt der Autor ein auffälliges Motiv: die Notaufnahme des Krankenhauses, den emergency room, dem als Allegorie eines gesellschaftlichen Zustands in literarischen wie filmischen Erzählungen zentraler Stellenwert zukommt. Der emergency room wird zum fokalen Motiv auch des Textes, der das iranische Kino der postrevolutionären Zeit, geprägt vom sogenannten ersten Golfkrieg respektive dem „heiligen Verteidigungskrieg“ (so seine Bezeichnung im Iran), über eine vergleichende Analyse des Kriegsfilms als dominantem filmischen Genre auslotet.

Das iranische sacred defence cinema mit seiner Ausrichtung an der Kerbela-Doktrin und der darin zentralen Märtyrer-Figur als master narrative erweist sich in Wittmanns historisch wie theoretisch informierter und genau nachforschender Befragung als ein zutiefst widersprüchliches Genre. In ihm reiben sich die ikonoklastischen Impulse der islamischen Kultur am Bedürfnis nach neuen Bildern und der Indienstnahme des Films zu kriegspropagandistischen Zwecken, die das Genre erstarken lassen. Ausgerechnet der Kriegsfilm wird zur Ermöglichungsform filmästhetischer Experimente und zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Vergangenheit und Gegenwart unter den Bedingungen einer strikt zensurierten Filmproduktion.

Als eine Telescopage im Sinne von Walter Benjamins Idee einer „Telescopage der Vergangenheit durch die Gegenwart“ fasst Matthias Wittmann den Ansatz seiner Untersuchung. Die unauflösliche Verkopplung von „Krieg/Revolution“ wird durch die historische „Rückblende“ zur Revolution von 1978/79 verständlich gemacht und anhand einer vergleichenden Analyse zweier exemplarisch gesetzter Filme verdeutlicht, die beide vom emergency room, von Krieg, Opfer, Verlust und der Suche nach Identität handeln – indes mit höchst unterschiedlichen Implikationen, Mitteln und Effekten, wie Wittmann überzeugend darlegt. […]

Der Aufsatz besticht durch die präzise, sprachlich dichte, instruktive Analyse, mit der Matthias Wittmann tiefensemantische Schichten der exemplarisch herangezogenen Filme pointiert herausarbeitet. Er tut dies mit einer im besten Sinne didaktischen Wendung zum Leser und bringt uns das iranische Kino in seiner changierenden Ästhetik und den darin zum Ausdruck kommenden politischen Implikationen nahe. Der Aufsatz leistet auf vorbildliche Weise eine Einführung in den Gegenstand. Ihm kommt eine kulturvermittelnde und damit politische Funktion in Zeiten nationaler und kultureller Abschottungen zu.

Die Jury spricht darüber hinaus zwei lobende Erwähnungen aus:

Die erste lobende Erwähnung geht an Tobias Ebbrecht-Hartmann für den Aufsatz “Echoes from the Archive. Retrieving and Re-viewing Cinematic Remnants of the Nazi Past”, erschienen im Edinburgh German Yearbook (Vol. 9: Archive and Memory in German Literature and Visual Culture, 2015).

Tobias Ebbrecht-Hartmann beschreibt und analysiert in seinem Aufsatz vergleichend drei Filme, die sich auf unterschiedliche Weise mit Archivmaterial aus der Nazizeit auseinandersetzen und durch ihre Verfahren der cinematischen Intervention im Wahrnehmungsakt je spezifische Beziehungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit schaffen. Seine close readings von Yael Hersonskis A Film Unfinished von 2010, Harun Farockis Aufschub von 2007 und Heynowski/Scheumanns Die Lüge und der Tod von 1988 nehmen ihren Ausgangspunkt bei der Frage, wie die Filmemacher das historische Footage-Material befragen und rekontextualisieren, um die ihm eingeschriebene Täterperspektive zu hintergehen. […] Neben den präzisen Analysen der drei Filme sind es vor allem auch methodologische Klärungen und die Explikation von Kernfragen, die den Aufsatz in seinem Aufbau und seiner Gedankenführung vorbildlich machen: zu klären, was Filmemacher jeweils veranlasst, die filmischen Archive des Holocausts zu besuchen und zu fragen, wie deren Bestände gelesen und erinnert werden können.

Eine zweite lobende Erwähnung spricht die Jury aus für Guido Kirsten, Roland Barthes und das Kino: Ein Überblick“, erschienen in Montage AV (Vol. 24, Nr. 1, 2015)

Dieser beeindruckende, stilsicher geschriebene und aufschlussreiche Aufsatz behandelt die Rolle des Films in den Schriften Roland Barthes’, von dessen Begeisterung für CinemaScope im Jahr 1954 bis zu seinem berühmten Buch zur Photographie, Die helle Kammer (1980). […] Dabei erläutert Kirsten bedeutende Wechsel in Barthes’ theoretischer Haltung und untersucht die Überschneidungen zwischen seinen verstreuten und zum größten Teil unbekannten Veröffentlichungen zum Film mit seinen kanonischen literatur- und filmtheoretischen Texten. Basierend auf umfangreicher Recherche und genauer Lektüre zeigt Kirstens Überblick eine meisterhafte Kenntnis von Barthes’ Oeuvre und gewährt wertvolle Einsichten in dessen Versuche, eine Semiotik des Kinos zu begründen – Versuche, die das spätere Werk von Christian Metz in mehrererlei Hinsicht vorwegnehmen. Auch wenn Barthes ein zugegebenermaßen „schwieriges“ Verhältnis zum Film hatte und das Medium relativ marginal in seinem Gesamtwerk blieb, beweist Kirsten eindeutig, dass seine Begegnung mit dem Kino nachhaltig und produktiv war.

Karsten Witte-Preis 2016

Von links nach rechts: Matthias Wittmann (Gewinner des KWP), Britta Hartmann (Jury), Guido Kirsten (lobende Erwähnung)

2015: Nicholas Baer

Der Karsten-Witte-Preis für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres geht in diesem Jahr an Nicholas Baer von der University of California. Die Jury, der Christine Noll Brinckmann, Ursula von Keitz und Jens Eder angehörten, zeichnete Baer für seinen Beitrag „The Rebirth of a Nation: Cinema, Herzlian Zionism, and Emotion in Jewish History“ aus, der 2014 in dem Leo Beck Institute Year Book erschienen ist. Der Preis wurde auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften in Bayreuth verliehen.

In der Begründung der Jury heißt es:
Nicholas Bear verknüpft drei Forschungsfelder auf neuartige Weise miteinander: die frühe Filmgeschichte, die Affect Studies und die Geschichte des Zionismus. Dabei setzt der Titel „The Rebirth of a Nation“ David Wark Griffiths umstrittene Filmmythologie der USA in einen spannungsreichen Kontrast zu Theodor Herzls Einsatz für einen jüdischen Nationalstaat.
Nicholas Baer beginnt seinen Text mit einem kühnen Brückenschlag in die Vergangenheit: Ähnlich wie heute haben sich auch vor gut hundert Jahren viele politische Bewegungen zum einen den kollektiven Emotionen, zum anderen den neuen Medien ihrer Zeit zugewandt. Baers davon ausgehende Fragestellung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Wie nutzte der Zionismus im frühen 20. Jahrhundert das neue Medium der Kinematographie, um die Zuschauer für sein politisches Ziel zu mobilisieren? […]
Nicholas Baers vielschichtiger, wegweisender Aufsatz widmet sich damit einer gesellschaftlich relevanten Thematik, die bisher kaum erforscht wurde. Auf originelle Weise verknüpft er seine filmhistorische Fragestellung mit filmästhetischen und affekttheoretischen Perspektiven, bringt Geschichte und Gegenwart in Resonanz. Die Kontexte des Fallbeispiels werden vorbildlich rekonstruiert. Sowohl in historiographischer als auch theoretischer Hinsicht ist der Aufsatz von bewundernswertem Kenntnisreichtum und größter Detailgenauigkeit. Die Dokumentation in den Fußnoten lässt das Ausmaß der Recherchearbeit erahnen, die hier zu einer prägnanten Argumentation verdichtet wurde. Nicht zuletzt zeichnet sich der Aufsatz durch große sprachliche Eleganz aus.
(Die Dankesrede des Preisträgers Nicholas Baer finden Sie hier: kwp15_Witte_dank.)

Zudem sprach die Jury zwei lobende Erwähnungen aus:
Eine lobende Erwähnung ging an Guido Kirsten (Stockholm) für den Beitrag „Gleichheitseffekt, Empathie, Reflexion und Begehren. Politiken des Realismus“. Sein klar formulierter Text, der in der Montage/AV veröffentlicht wurde, konturiert zielsicher wichtige Zusammenhänge zwischen realistischer Form und politischer Ästhetik des Films, die bisher zu wenig beachtet wurden. Dadurch verleiht Kirsten nicht nur dem schwierigen Begriff des Realismus größere Prägnanz, sondern macht auch dessen politische Potenziale besser verständlich.

Die zweite lobende Erwähnung erhielt Julia Zutavern (Zürich) für den ebenfalls in der Montage/AV erschienen Beitrag „Politik als Modus der Sinn- und Affektproduktion“. Darin schlägt Zutavern vor, nicht nur von politischen Filmen im Sinne Rancières zu sprechen, sondern darüber hinaus von parapolitischen und metapolitischen, also solchen, die entweder aufgrund ihres Produktionszusammenhangs oder aufgrund ihrer diskursiven Kontexte als politisch aufgefasst werden. Diese Konzepte veranschaulicht sie sehr einleuchtend anhand einer Analyse von Peter Kriegs „fantastischer Reportage“ Das Packeis-Syndrom. Durch ihre erhellende Unterscheidung eröffnet Zutaverns Text ein differenzierteres Verständnis der Grundverhältnisse zwischen Film und Politik.

Von links nach rechts: Jens Eder (Jury), Guido Kirsten (lobende Erwähnung), Nicholas Baer (Gewinner des KWP), Christine Noll Brinckmann (Jury), Julia Zutavern (lobende Erwähung), Ursula von Keitz (Jury)

Von links nach rechts: Jens Eder (Jury), Guido Kirsten (lobende Erwähnung), Nicholas Baer (Gewinner des KWP), Christine Noll Brinckmann (Jury), Julia Zutavern (lobende Erwähung), Ursula von Keitz (Jury)

2014: Chris Tedjasukmana

Ursula von Keitz, Chris Tedjasukmana

Ursula von Keitz, Chris Tedjasukmana

Chris Tedjasukmana, Christine Noll Brinckmann, Jens Eder

Chris Tedjasukmana, Christine Noll Brinckmann, Jens Eder

Chris Tedjasukmana, Christine Noll Brinckmann, Jens Eder_2014

Chris Tedjasukmana, Christine Noll Brinckmann, Jens Eder

Chris Tedjasukmana

Chris Tedjasukmana

Der Karsten-Witte-Preis für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres geht in diesem Jahr an Chris Tedjasukmana von der Freien Universität Berlin. Die aus Christine Noll Brinckmann, Ursula von Keitz und Jens Eder bestehende Jury zeichnet Tedjasukmana für seinen Beitrag „Wie schlecht sind die schlechten Gefühle im Kino? Politische Emotionen, negative Affekte und ästhetische Erfahrung“ aus, der in der Zeitschrift Montage/AV erschienen ist. Der Preis wurde auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften in Marburg verliehen.

In der Begründung der Jury heißt es:
„Chris Tedjasukmana geht von der Beobachtung aus, dass zahllose Filme, ja ganze Genres schlechte Gefühle produzieren. Warum also setzen sich Zuschauer im Kino Gefühlen von Angst, Schrecken, Trauer oder Ekel aus? – Die Hypothese ist, dass Zuschauer im Kino nicht nur schlechte Gefühle empfinden, sondern ‚genuin ästhetische Affekte erfahren, welche mit einem notwendigen Distanzmoment einhergehen’. Dieses Distanzmoment macht sie überhaupt erst zu Filmerfahrungen. Im Kino als Ort öffentlicher Intimität, werden ästhetische Affekte erfahrbar, die als unmittelbare Gefühle unzugänglich oder an-ästhetisch blieben. [...] Der Fokus des Aufsatzes erweitert sich zudem auf politische Differenzerfahrungen, indem der Verfasser das entfaltete Spektrum der schlechten Gefühle im Kontext des New Queer Cinema, anhand einer Analyse von  Todd Haynes’ Film Velvet Goldmine (1998) verhandelt.  “Nicht um die kathartische Reinigung der Affekte geht es jedoch,“ so Tedjasukmanas Fazit, “sondern darum, die negativen Affekte auszuhalten, ohne dass wir Gefahr laufen, darüber blind zu werden.” So kann das Kino uns beibringen, ‚mit den psychischen Verletzungen zu leben ohne sie einfach nur zu beheben.’“

Zudem sprach die Jury zwei lobende Erwähnungen aus. Beide Texte haben, laut Jury, im Gegensatz zu Chris Tedjasukmanas theoretischem Text eine eher filmhistorische Ausrichtung, teilen mit ihm jedoch den Bezug zur Politik und erschließen wie er neue oder vernachlässigte Felder der Filmforschung.

Die erste lobende Erwähnung geht an Daniel Kulle und seinen Aufsatz „DIY Cinema. Alternative Erfahrungsräume des Kinos“, erschienen in der Zeitschrift Augenblick (Themenheft „Erfahrungsraum Kino“). Die Jury schreibt: „Kulle bietet in seinem Aufsatz [...] eine dichte, kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem politischen Do-It-Yourself-Film von Subkulturen, der sich durch seine Ästhetik des Selbstgemachten bewusst und kritisch vom kommerziellen Mainstream abwendet und dadurch zur Bildung alternativer Identitäten beiträgt.“
Die zweite lobende Erwähnung geht an Johannes Pause und seinen Aufsatz „Omertà, Trauma, Paranoia“, erschienen in dem von Julia Barbara Köhne herausgegebenen Band Trauma und Film. Inszenierungen eines Nicht-Repräsentierbaren. In der Begründung heißt es: „Johannes Pause widmet seinen Text [...] einem Regisseur, der in der deutschsprachigen Filmwissenschaft bisher zu kurz gekommen ist, nämlich Francesco Rosi und seinen Filmen Salvatore Giuliano und Il Caso Enrico Mattei. Auf so präzise wie sensible Weise gelingt es Pause, diese Filme in den Kontext der italienischen Nachkriegskultur einzuordnen und die ästhetischen Strategien ihrer Gesellschafts- und Medienkritik herauszuarbeiten.“
Der in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehene Karsten-Witte-Preis wird von der AG Filmwissenschaft ausgeschrieben und ist mit 500 Euro dotiert. Der Preis ist nach dem 1995 verstorbenen Filmwissenschaftler Karsten Witte benannt, in Angedenken an dessen Engagement für die Filmwissenschaft, seine intellektuelle Innovationskraft, sein historisches und ideologisches Bewusstsein und seinen eleganten persönlichen Stil.

Julian Hanich und Chris Wahl (Sprecher AG Filmwissenschaft)

2013: Britta Hartmann

Der Karsten-Witte-Preis für den besten filmwissenschaftlichen Aufsatz des Jahres 2012 geht in diesem Jahr an Britta Hartmann von der Universität Bonn. Die Jury zeichnet Hartmann für ihren Beitrag „Anwesende Abwesenheit. Zur kommunikativen Konstellation des Dokumentarfilms“ aus, der im Aufsatzband Auslassen, Andeuten, Auffüllen. Der Film und die Imagination des Zuschauers (Herausgeber: Julian Hanich und Hans Jürgen Wulff, Paderborn: Fink) erschienen ist.

In der Begründung der Jury heißt es: „Britta Hartmann ist ein Text gelungen, der in Fragestellung und Wahl des Gegenstands ebenso originell wie filmwissenschaftlich relevant ist. Der Dokumentarfilm steht ja, trotz seiner weiten Verbreitung und gesellschaftlichen Bedeutung, noch immer im Schatten des Spielfilms, obwohl er als nicht-fiktionaler Pol des Mediums von hohem Interesse ist. Es lohnt sich, wie der Aufsatz zeigt, die dokumentarischen Strukturen und Strategien theoretisch auszuleuchten, und dies durchaus auch im Vergleich zum Spielfilm. [...] In der Verschränkung eines theoretischen Ansatzes mit einer präzisen Analyse kommt die Theorie bei Hartmann sozusagen auf leisen Sohlen daher; sie wird am Beispiel fassbar, ohne an Trennschärfe zu verlieren. [...] Der Aufsatz ist knapp, mit Blick auf das Wesentliche und ohne Redundanz formuliert, von schönem Fluss und stets auf leserfreundliche Verständlichkeit bedacht.”

Der in diesem Jahr zum ersten Mal verliehene Karsten-Witte-Preis wird von der AG Filmwissenschaft ausgeschrieben und ist mit 500 Euro dotiert. Das Preisgeld wird zu gleichen Anteilen vom AVINUS e.V. und einem anonymen Spender gestiftet. Der Preis ist nach dem 1995 verstorbenen Filmwissenschaftler Karsten Witte benannt, in Angedenken an dessen Engagement für die Filmwissenschaft, seine intellektuelle Innovationskraft, sein historisches und ideologisches Bewusstsein und seinen eleganten persönlichen Stil. Der Jury gehörten Christine Brinckmann (Emerita, Universität Zürich), Ursula von Keitz (Universität Konstanz) und Jens Eder (Universität Mannheim) an.

Im Abstract des Aufsatzes von Britta Hartmann heißt es: „Die Vorgänge des Auslassens und Auffüllens, des Evozierens und Imaginierens stellen sich im dokumentarischen Film anders dar als im fiktionalen und müssen daher spezifisch gefasst werden. Mir geht es in diesem Beitrag um eine besondere, dem Dokumentarfilm eigene Leerstelle, auf die sich Aufmerksamkeit und Vorstellungsvermögen, mithin die imaginativ-auffüllende Tätigkeit des Zuschauers richtet: die Leerstelle der unsichtbaren, weil in der Regel im Bild abwesenden Filmemacher. Diese ‚anwesende Abwesenheit‘ ist Teil der sozialen Situation, die durch die Filmarbeit entsteht. Die sozialen Akteure im performativen Raum vor der Kamera interagieren auf verschiedene Art und Weise mit dem unsichtbaren Team dahinter, zugespitzt formuliert: Die Interaktion von Gefilmten und Filmemachern ist notwendiger Bestandteil der kommunikativen Verfasstheit des Dokumentarfilms; das gilt sogar für beobachtende Ansätze, auch wenn deren Vertreter das vermeintliche Ideal vom Nichteingreifen in die profilmische Situation postulieren. Nicht zuletzt aus diesen Zeichen der Interaktion gewinnt der Zuschauer in der Rezeption eine Vorstellung der Filmemacher im Off-Screen-Raum. Deutlich wird, dass sich in der dokumentarfilmischen Konstellation unterschiedliche soziale und kommunikative Rollen überlagern. Dies wird insbesondere an SCHOTTER WIE HEU dargelegt, einem Film, der daraus komische Effekte zieht.“

Zudem sprach die Jury zwei lobende Erwähnungen aus, die gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Eine lobende Erwähnung geht Judith Ellenbürger (geborene Wimmer): „Der Rhythmus des Geldes. Eine Neusichtung von Antonionis L’ECLISSE mit Georg Simmel“, erschienen in Jörg Glasenapp (Hg.): Michelangelo Antonioni. Wege in die filmische Moderne (Paderborn 2012). Begründung der Jury: „Die Autorin nimmt Simmels Geldtheorie als heuristisches Instrument, um eine innovative und einleuchtende Lektüre des Films vorzulegen, bei der Thematisches und filmische Gestaltung sich in der Analyse verschränken.“

Die zweite lobende Erwähnung geht an Oliver Schmidt: „Diegetische Räume. Überlegungen zur Ontologie filmischer Welten am Beispiel ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (2004) und INCEPTION (2010)“, erschienen in Regine Prange, Henning Engelke und Michael Fischer (Hg.): Film als Raumkunst. Historische Perspektiven und aktuelle Methoden (Marburg: Schüren 2012). Begründung der Jury: „Der Autor arbeitet eine spezifisch filmische Raumpräsentation heraus, die sich von der literarischen Raumpräsentation unterscheidet. Er entwickelt eine vielgestaltige, weithin verwendbare Typologie und führt sie an unterschiedlichen Beispielen vor.“

Julian Hanich und Chris Wahl (Sprecher AG Filmwissenschaft)

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