Das Bild des deutschen Wirtschaftswunders in der Kinowochenschau

Woher kommt das Bild vom Deutschland, dem durch Fleiß, Kraft und Dank eines ‚Wirtschaftswunders‘ der Wiederaufbau nach dem Krieg gelang? Bisher ist unbekannt, wie Medien als „Agenten des sozialen Wandels“ das Wirtschaftswunder darstellten; oft ist nicht unbedingt wichtig, was tatsächlich geschah, sondern wie es medial vermittelt wird (Wilke, 1999). Bis zur Durchsetzung des Fernsehens war die Wochenschau die einzige Nachrichtenquelle, die durch laufende Bilder die Vorstellungen einer breiten Masse prägen konnte. Im Projekt geht es daher darum, wie die Wochenschau zum kollektiven Erinnerungsbild über das ‚Wir sind wieder wer!‘ beigetragen haben kann.

Um sich mit dem Thema zu beschäftigen, ist Eile geboten. Einschlägige Filmarchive drohen eingespart zu werden – und dies, obwohl Historiker den Film inzwischen als wissenschaftliche Quelle anerkennen und Fernsehredaktionen gern historische Filmdokumente als Belege in Doku-Dramen nutzen. Als pure Illustration sind Wochenschaubilder jedoch meist aus ihrem Zusammenhang gerissen und für das tiefere Verständnis des Zuschauers wenig wertvoll. Schon im Umgang der Fernsehredakteure mit dem Material besteht die Gefahr, dass die Bilder verfälschend eingesetzt werden, wenn der Produktionskontext, typische Darstellungsstrategien und die historische Einordnung unbekannt bleiben.

Doch Produktionsunterlagen werden selten als wichtig erachtet, bei der Archivierung vernachlässigt und Zeitzeugen sind immer weniger verfügbar.
Auch hier müssen sich Forscher beeilen, um Entwicklungszusammenhänge und Produktionsumstände im Sinne der New Film History (Kusters, 1996) bei der Interpretation von Medien einbeziehen zu können. Die filmischen Darstellungsprinzipien aus den 1950er Jahren sind darüber hinaus eine der Grundlagen für heutige „Audiovisionen“ (Zielinski, 1994) – deren Entwicklung fortdauert.

Kern des Projektes ist ein Vergleich der Wochenschau-Produktionen, die in der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs von 1950 bis 1965 in West- bzw. Ostdeutschland gezeigt wurden. So liegt das Spannungsfeld des Vergleichs u.a. in den damals herrschenden unterschiedlichen Wirtschaftssystemen. Die Basis der Untersuchung bildet die Analyse der Wochenschaufilme als Primärquellen.

In mehreren Aspekten werden Unterschiede in der Berichterstattung herausgestellt:
(1) ästhetische Gestaltung (Bild, Musik, Stimme),
(2) inhaltliche Aufbereitung (Text) und
(3) audiovisuelle Darstellungsmuster (Beitragskonzeption).
Die Analyse wird um neu aufgespürte Belege zu den Produktionsvorgängen (wie damals genutztes Recherchematerial, Aufnahmeberichte der Kameraleute und redaktionelle, interne Mitteilungen) sowie zeitgenössische Kritiken zur historischen Kommunikatorforschung ergänzt.

Das Projekt trägt dazu bei, die Imagebildung zu erklären – für eine Zeit, in der ein Grundstein für die heutige Gesellschaft gelegt wurde und die für eine aufstrebende Medienlandschaft bedeutend war.

Das Projekt ist ein Post-doc Projekt, das auf der Dissertation zu
Wochenschau und Tagesschau in den 1950er Jahren basiert.
Das Buch ist im Oktober 2013 erschienen:
http://www.uvk.de/isbn/9783867644792

siehe auch: Publikationen

Kooperationen mit anderen Forschern sind gewünscht in Bezug auf die Analyse der Wochenschau-Musik, da diese von allem über Filmmusik Bekanntem abweicht.

Weitere Informationen über den Stand des Projektes und Hinweise auf Publikationen finden Sie unter www.wochenschau-forschung.de

© Dr. Sigrun Lehnert, Hamburg

Dr. Sigrun Lehnert
Flotowstraße 26d – 22083 Hamburg
fon: 040 / 35 07 22 66 mobil: 0163 / 275 14 05
mail: sigrun.lehnert@freenet.de

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